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Altai – kleine weiße Friedenstaube

Bei der Suche nach einer Route mitten ins Altai-Gebirge ohne die Fahrt über Barnaul, hat mich ein Streckenabschnitt sofort gereizt und zwar die Fahrt von Sentelek in der Region Altai nach Korgon in die abgespaltene Republik Altai. Auf unserer einen Karte existiert diese Strecke gar nicht auf unserer anderen Karte nur als saisonal befahrbare Piste. Das heißt wahrscheinlich nicht viel los, ein bisschen Abenteuer!

Was uns hat zögern lassen, war jedoch, dass dies im Falle einer nicht erfolgreichen Befahrung der genannten Piste über 200 km Umweg bedeuten würde. An der Kreuzung, an der die Entscheidung für den möglichen Umweg getroffen werden musste, überzeugte uns der gute Straßenzustand die Fahrt zu wagen. Wir wurden nicht enttäuscht. Die Landschaft wurde immer hügeliger und Charyshskoye, das letzte an der befestigten Straße liegende Dorf, wurde am frühen Nachmittag erreicht. Dort ließen wir uns am Ufer des Charysh nieder, um am nächsten morgen mit aufgefüllten Vorräten die Fahrt von Sentelek nach Korgon zu wagen. Die gute Straße bis Charyshskoye machte uns zuversichtlich, leider gelang uns die Fahrt nach Korgon dann doch nicht. Es fehlten nur noch 18 km bis Korgon als uns ein Bauer sagte, das letzte Stück sei durch einen Erdrutsch verschüttet worden.

Wir hatten uns zwar von Anfang an drauf eingestellt alles wieder zurück fahren zu müssen aber wir waren dennoch enttäuscht. Die Landschaft war wunderschön und es war ja eigentlich nicht mehr weit. Unser Navi, immer für Überraschungen gut, kannte noch einen anderen Pfad, direkt an der kasachischen Grenze entlang. Ich fühlte mich nicht wohl dort so nah entlang zu fahren, insbesondere da wir uns bereits in einer „Zone of Border Control“ befanden. Ich fragte in Sentelek einen Dorfbewohner vor einem Magazin nach dieser Alternativroute. Er meinte, das sei keine gute Idee aber als er hörte, das wir Richtung Ust Kan, eine Ortschaft an der Straße zum Belucha, der mit 4506 m höchste Berg im Altai, unterwegs sind, sagte er mir, das auf unserer Karte von Mal. Bashchelak nach Soloneshnoye zwar keine Straße eingetragen sei, dort aber eine wäre.

Also versuchten wir es nach einer zweiten Nacht am Charysh dort entlang. Wir wurden belohnt! Tolle Piste und tolle Natur. Den Großteil der Strecke wurden wir begleitet von abertausenden Schmetterlingen.

Hier trifft Minimalismus auf Maximalismus. Der junge Mann aus Nowosibirsk ist für 14 Tage laufend oder gehend durchs Altai unterwegs. Jeden Tag circa 50 km.

Wir könnten aber auch stundenlang den frei laufenden Schweinen und Co zuschauen. Hier werden nicht die Tiere eingesperrt, sondern es wird das eingezäunt, was die Tiere nicht fressen dürfen. Die Tiere spazieren wie ihr auf den Bildern oben schon sehen konntet, wie die sonstigen Anwohner durchs Dorf.

Wir haben die Damen gefragt, ob wir sie mitnehmen sollen aber sie meinte der Bus würde bald kommen…

Auch die schönen Holzhäuser und die liebevoll aber natürlich zweckmäßig gestalteten Gärten könnten wir uns stundenlang anschauen.

Morgens stehen die Bewohner an der Straße bereit, um ihre Milch an einen Händler zu verkaufen. Das ist für Lukas toll, der so gerne frische Milch trinkt.

Solch orthodoxe Kirchen mit den typischen Türmchen haben in diesem Teil von Russland noch Seltenheitswert.Im Altai war hingegen der verbreitetste Glaube der Schamnismus, heute ist es eine Art Synthese aus Schamanismus und Buddhismus.

Die touristischen Hinweise am Straßenrand lohnen sich nicht immer. Aber in einer angepriesenen Höhle hatten wir Glück. Dort fanden archäologische Ausgrabungen statt und wir durften mit über die Absperrung kommen und uns die Arbeit anschauen. In der Höhle sollen über die Jahre hinweg bis zu 3000 Menschen gewohnt und eine dicke Humusschicht gebildet haben. Diese Humusschicht tragen die Archäologen jetzt nach und nach fein säuberlich ab, um Zeugnisse der Bewohner in Form von Knochen größerer Tiere aber auch Keramik und Eisenerzeugnisse zu finden.

An einem Abend, direkt auf der Grenze zwischen der Region und der Republik Altai, bekamen wir Besuch von einem kauzigen Anwohner. Er war wohl schon ein paar mal vorbei gefahren und wollte sich dann doch mal das Auto von Nahem anschauen. Ein schräger Vogel! Kaum noch richtige Zähne im Mund, ein irres Lachen, total überdreht und sehr am Auto interessiert. Als er auf dem Fahrersitz Platz nahm, fand er unseren russischen Straßenatlas. Auf einer der ersten Seiten ist ein Bild von Stalingrad. Und dieser aufgedrehte, irre Typ wurde plötzlich ganz ruhig und sentimental und erzählte von seinem Großvater, der dort gefallen ist. Er sagte so viel wie, dass sein Großvater seine Pflicht erbracht hat aber den Krieg gehasst hat, nicht aber den Feind, die Deutschen. Die Deutschen seien so schlaue Köpfe. Schrecklich sei dieser Krieg!

Ein paar Tage später mittlerweile auf dem Weg von Ust Kan in Richtung Tschujatrakt, eine Straße, die von Nowosibirsk bis zur mongolischen Grenze verläuft, wollten wir in einem Dorf Wasser fassen und fanden eine öffentliche Entnahmestelle vor einem Haus. Mittlerweile gibt es Hausanschlüsse aber es ist nicht unüblich (und auch gerade in Kasachstan war es normal), dass sich die Anwohner dort ihr Trinkwasser geholt haben. Währen Lukas tankte, schaute ich mir mit Lisanne die Holzhäuser an. Eine Babuschka von dem Haus vor dem wir standen, späte kurz rüber und wollte schon wieder verschwinden, kam dann aber ans Tor als ich ihr winkte. Wir kamen ins Gespräch und ich meine jetzt richtig ins Gespräch! Ich bin/war sehr stolz endlich meine Russischkenntnisse richtig anwenden zu können. Dies fällt mir sonst nämlich sehr schwer, denn sobald die Leute merken, dass ich sie verstehe, sprechen sie unglaublich schnell und dazu kommt noch ein Dialekt, der nicht gerade unterstützend wirkt. Da sie den Umgang mit Anderssprachigen nicht gewohnt sind, verstehen sie nicht, dass langsamer und deutlicher sprechen helfen würde. Im Gegenteil, sie sprechen einfach immer lauter und schneller. Nicht aber diese Frau.

Wie sie mir erzählte, war sie, jetzt 76 und Pensionärin, Lehrerin für die russische Sprache gewesen. Sie erzählte von ihren drei Töchtern, die älteste heißt auch Natali, die lieber in der Stadt wohnen, sie mit ihrem Mann aber das Leben hier in ihrem Haus auf dem Land genießt. Besonders das tägliche Melken der Kühe bereitet Ihr Freude und sie schenkte uns direkt einen Liter frische Milch. Sie erklärte auch den Unterschied zwischen dem „normalen“ großen Haus, worin geschlafen wird, und dem kleinen kegelförmigen Haus, das zum Kochen verwendet wird. Diese kleinen Häuser tauchten nämlich ab Soloneshnoye plötzlich in jedem Garten auf.

Ich mag die kyrillischen Buchstaben sehr gern, wodurch ein einfacher Briefkasten für mich schon total schön ist.

Sie erzählte mir auch, dass sie ein Jahr als Kind deutsch in der Schule gelernt hat. Ein Gedicht konnte sie immer noch. Nachdem sie mir die ersten Strophen vortrug, bat ich sie vor Lukas das Gedicht zu wiederholen. Und sie trug uns das ganze Gedicht fast vollständig vor:

Kleine weiße Friedenstaube, fliege übers Land,

allen Menschen, groß und kleinen, bist du wohlbekannt.

Du sollst fliegen, Friedenstaube, allen sag es hier,

dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir.

Fliege übers große Meer, über Berg und Tal,

bringe allen Menschen Frieden, grüß sie tausendmal.

Und wir wünschen für die Reise Freude und viel Glück,

kleine weiße Friedenstaube, komm recht bald zurück.

Nach meiner Recherche eins der bekanntesten Kinderlieder in der ehemaligen DDR mit Text und Melodie von Erika Schirmer, 1948.

Ich ärgere mich ein bisschen im Nachhinein kein Foto oder Video gemacht zu haben, da diese Begegnung mit dieser vor Energie strotzenden, strahlenden, lieben und natürlich langsam sowie deutlich sprechenden Omi so schön war. Aber ich habe immer Sorge, dass die unbefangene, lockere Situation verschwindet, sobald den Leuten eine Kamera unter die Nase gehalten wird. Aber wahrscheinlich hätte sie es überhaupt nicht gestört! Fürs nächste mal nehme ich mir vor, solche Momente einzufangen und dieser Moment wird jetzt durch diese Zeilen hoffentlich in meinem Kopf abgespeichert!

Das Gedicht der Omi erinnerte mich wieder an den irren Typen und den Erzählungen von seinem Großvater einige Tage zuvor. Diese Verbundenheit, die der zweite Weltkrieg immer schafft, ist enorm und erstaunlicherweise nie negativ. Ich habe immer Sorge, dass man uns aufgrund unserer deutschen Herkunft und damit eventuellen (Un-)Taten unserer Vorfahren böse ist. Aber das ist nie der Fall. Das Leid wird auf allen Seiten gleichermaßen gesehen und keine Schuld gesucht. Oftmals geben die Männer Lukas nach so einem Gespräch fest die Hand und ich habe immer das Gefühl, dass mit diesem Handschlag nochmals Frieden geschlossen wird.

In diesem Sinne „bringe allen Menschen Frieden, grüß sie tausendmal“ aus dem Altai!

Nathi

[Anm.: da mein Laptopladekabel den Geist aufgegeben hat, übertrage ich die Bilder mit Wifi auf das IPad. Leider klappt das nicht so gut, weswegen manche Bilder meist unten seltsame Übertragungsfehler aufweisen. ]

8 Kommentare

  1. Ulla Brehm Ulla Brehm

    Hallo Nathi, Lukas , Lisanne und Binti..!
    Nathi, was hast Du uns da für einen einfühlsamen wunderbaren Text geschrieben, „verziert“ mit eindrucksvollen Bildern der Landschaft, die Ihr jeweils durchfahrt: Ich kann Dir nachfühlen, dass Du Dich im Nachhinein ärgerst, dass Du vielleicht der Dame, ihren Deutschkenntnissen und dem, was Ihr beide erzählt habt, nicht gerecht geworden bist!. Aber, –Du schreibst es– speicher es auf Deiner „brain-disc“ ab! Das finde ich schon sehr bemerkenswert, dass die Menschen, die nicht in großen Städten leben, also nicht den Medien in dem Maße, wie Städter ausgesetzt sind, so wenig Ressentiments gegenüber Deutschen haben, wenn man bedenkt, was Deutsche den Russen angetan haben. Wie weitsichtig, dass Du Dich mit der russischen Sprache befasst hast, animiere Deine Gesprächspartner einfach zum Langsamsprechen ; der Begriff „siga-siga“ (langsam, langsam) ist m.W. in den Ostsprachen etabliert.
    Absolut sicher bin ich mir , dass Eure gute Verständigung mit allen Schichten der Gesellschaft auch darauf zurück zu führen ist, dass Ihr den Menschen gegenüber aufgeschlossen, zugewandte sowie dezent im Auftreten ihnen gegenüber steht!
    Die Fotos vom Schamanismus finde ich schon sehr befremdlich, auch ein wenig Angst einflößend, dass man als „Unwürdige“ u.U. eine geheiligte Stelle betritt….
    Alles, was Ihr erlebt, das laßt Ihr uns hautnah erleben, ich empfinde Eure Reise, auch wenn ich Euch ALLE sehr vermisse, auch auch für mich als eine Bereicherung, die Bilder und Berichte festigen ein Gesamtbild dieser (für mich) fernen Welt! Danke Euch allen, weiterhin eine gute und sichere Fahrt für Nathi, Lukas, Lisanne und die Schmusebacke Binti, Eure Ulla, Oma, Uri (Uhu)

  2. Dieter Effertz-Beumer Dieter Effertz-Beumer

    Es macht Spaß die Fahrt von euch zu verfolgen. Seid vorsichtig! Sehr schön geschrieben! Bis bald in Deutschland ??. Lg Dieter

  3. Привет из Барнаула! Очень приятные люди. Улыбчивые и приятные. Жаль что моё знание языка очень плохое, но и без слов понятно что хорошие люди!
    Удачной вам дороги и много позитивных эмоций в вашем путешествии! ?

    • Lukimog Lukimog

      Большой спасибо ?

    • Lukimog Lukimog

      ? Забавно. изменение перспективы

  4. Иван Иван

    Привет, я тот самый парень,идущий по 50 км в день. Рад был видеть. Завершил свой проект Вышло 789 км. и 17 ходовых дней. Попутного ветра и хороших людей.

    • Lukimog Lukimog

      мы сейчас в Туве. В начале августа мы в Новосибирске. Если хотите, можем ли мы встретиться?!

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